Es ist kurz vor 9 Uhr am Samstag morgen, als der Alarm des Funkmelders die Männer und Frauen der Feuerwehr Naila hochschrecken lässt. Während die einen gerade beim Frühstück sitzen, wird für andere der eingeplante Wochenendschlaf jäh unterbrochen. In Bruchteilen von Sekunden schießt das Adrenalin in die Blutbahn, schnell werden die Schuhe angezogen und Richtung Feuerwehrhaus geeilt. Kurz darauf kommt die Entwarnung: „Alarmübung in Oberklingensporn, eine unbekannte Flüssigkeit läuft aus“. Die unangekündigte Übung hat Kreisbrandmeister Heiko Rödel aus Berg organisiert, zuständig für Ausbildung und Einsätze der Feuerwehren bei Gefahrstoffunfällen. Die Feuerwehrleute verstauen die unhandlichen Schutzanzüge, die die meiste Zeit hängend im Gerätehaus aufbewahrt werden, in den Fahrzeugen und begeben sich zum Einsatzort. Dort hat inzwischen der Einsatzleiter, Kommandant und Kreisbrandmeister Hans Münzer, eine erste Lageerkundung durchgeführt.
Aus einem auf einem Anhänger aufgebauten Tank mit etwa 5000 Liter Inhalt läuft eine Flüssigkeit in breitem Strahl auf den Boden, der Tank ist mit einer orangen Tafel und einer Ziffernkombination gekennzeichnet. Die Zahlen versprechen nichts Gutes: Der Stoff ist leicht entzündlich und giftig! Außerdem scheint es so, als ob sich der Fahrer noch im Führerhaus der Zugmaschine befindet.
Weiträumig wird die Einsatzstelle abgesperrt. Aufgrund der Explosionsgefahr und der Giftigkeit dürfen auch die Helfer und ihre Fahrzeuge nicht näher als 50 Meter an den Unglücksort heran. Die Alarmstufe wird erhöht. Neben der Ortsteilwehr aus Marxgrün werden die Wehren aus Selbitz und Helmbrechts, die ebenfalls für Gefahrstoffunfälle ausgerüstet sind, und die Unterstützungsgruppe des Katastrophenschutzes alarmiert. Zwei Trupps unter „Vollschutz“, so nennen die Feuerwehrleute die gas- und flüssigkeitsdichten Anzüge aus säurebeständigem Kautschuk, sollen ausgerüstet werden und erst einmal den Fahrer aus der Gefahrenzone bringen sowie die Fahrzeugpapier sicherstellen. 4 Feuerwehrleute beginnen sich mit Hilfe ihrer Kameraden für den Auftrag umzukleiden. Alleine wären sie mit den schweren und unbeweglichen Anzügen überfordert.
Die Männer und Frauen ziehen ihre normale Schutzkleidung aus, der Wärmestau wäre sonst zu groß. Das Atemschutzgerät mit 1800l komprimierter Atemluft stellt die Sauerstoffversorgung in den luftdichten Anzügen sicher. Die Einsatzkräfte schlüpfen in die fest am Anzug angeschweißten Gummistiefel (Einheitsgröße 46) und die vom Helfer aufgehaltenen Arme mit den integrierten Handschuhen. Es beginnt zu regnen. Die Atemschutzmaske beschlägt.
Währenddessen kümmern sich andere Feuerwehrkameraden um den Brandschutz. Dreifacher Schutz, also mit Wasser, Schaum und Pulver als Löschmittel ist bei Chemieunfällen Standard. Die Strahlrohre werden an der Absperrgrenze abgelegt – griffbereit für den Notfall. Die Einsatzleitung arbeitet fieberhaft weiter. Die Nachschlagewerke entschlüsseln die Stoffnummer am Tank: Es handelt sich um Methanol, sehr leicht entzündlich, und giftig bei Einatmen, Verschlucken oder Kontakt mit der Haut. Es war also richtig, die Chemikalienschutzanzüge (CSA) anlegen zu lassen.
Die beiden Trupps sind inzwischen fast vollständig angezogen. Jeder der Feuerwehrleute bekommt ein Funkgerät umgehängt, die einzige Verbindung zur Außenwelt in dem fast schalldichten Anzug. Die Atemschutzüberwachung registriert die Namen und den Luftvorrat der Truppmitglieder, dann schließt der Helfer den riesigen Reißverschluss über dem Helm, für die nächsten zwanzig Minuten ist die Feuerwehrfrau oder der Feuerwehrmann in einer eigenen Welt.
Während der zweite Trupp als Rettungstrupp zurückbleibt, begibt sich Trupp 1 zum Unglücksfahrzeug. Schwer liegt der Anzug auf Kopf und Schultern. In den oft zu großen Stiefeln geht es nur mühsam vorwärts. Die Ausatemluft strömt in den Anzug und bläst ihn nach einiger Zeit auf, fast wie bei einem Luftballon. Über ein Ventil am Rücken kann die überschüssige Luft entweichen. Die Regentropfen auf der Außenscheibe des Schutzanzugs behindern die ohnehin stark eingeschränkte Sicht. Der Fahrer des Tankzuges liegt bewusstlos quer über Fahrer- und Beifahrersitz. Nur mit Mühe können die beiden Feuerwehrleute den kräftigen Mann aus dem Fahrzeug befreien und auf die bereitstehende Trage legen. Zum Wegtragen muss der Rettungstrupp mit eingreifen. Zu viert wird der Verletzte aus dem Gefahrenbereich gebracht, in den schweren Anzügen eine körperliche Höchstleistung. Der Rettungsdienst übernimmt die weitere Versorgung. Seit dem Alarm ist eine halbe Stunde vergangen.
In der Zwischenzeit ist die Feuerwehr Selbitz eingetroffen. Während sich zwei Trupps aus Selbitz mit Chemieschutzanzügen ausrüsten, bauen andere den Dekontaminationsplatz auf. Dieser ist notwendig, damit keine gefährlichen Stoffe mit den Schutzanzügen aus dem Sicherheitsbereich gelangen. Die Feuerwehrleute aus Marxgrün erhalten eine kurze Unterweisung, sie sollen den Dekon-Platz bedienen.
Die Trupps der Selbitzer Wehr haben sich inzwischen mit Auffang- und Abdichtmaterial aus dem Nailaer Rüstwagen eingedeckt und lösen die Nailaer Trupps ab. Für die geht es jetzt zum Duschen – im kompletten Anzug in der Dusche des Dekon-Platzes. Anschließend dürfen sie ihren Anzug ausziehen, bevor es, immer noch mit Atemschutz, in ein Schnelleinsatzzelt geht, wo der Pressluftatmer endlich abgelegt werden kann. Reichlich Mineralwasser soll den Flüssigkeitshaushalt regulieren, denn die Feuerwehrleute verlieren bis zu 2 Litern Schweiß im Laufe des CSA-Einsatzes.
Im Zwanzigminutentakt werden nun die Einsatzkräfte am Tankwagen ausgewechselt, nach den Selbitzer Feuerwehrmänner kommen die Helmbrechtser mit ihren Anzügen zum Zuge. Mit Keilen und pneumatischen Dichtkissen wird das Leck im Behälter abgedichtet, bis nur noch ein kleines Rinnsal in die Auffangfolie läuft. Ein Einsatzfahrzeug warnt mit Lautsprecherdurchsagen die Bevölkerung im nahen Froschgrün vor der Gaswolke und eine Ölsperre in der Selbitz soll verhindern, dass das Gefahrgut sich flussabwärts ausbreitet. Auch die Ortsteilfeuerwehren aus Culmitz und Lippertsgrün kommen noch zum Einsatz, um den Dekon-Platz zu bedienen.
Die Arbeiten am Unglücksfahrzeug gehen weiter. Ein Auffangbehälter für das Methanol wird aufgebaut und eine Umfüllpumpe in Stellung gebracht, um die restliche Flüssigkeit umzupumpen. Erst nach über zwei Stunden sind die Arbeiten so weit fortgeschritten, dass KBM Heiko Rödel die Übung beendet. Mehr als hundert Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rotem Kreuz haben die gestellte Lage erfolgreich bewältigt, kleinere Mängel können künftig abgestellt werden. Die Zusammenarbeit hat hervorragend funktioniert.
Allerdings habe die Übung auch gezeigt, so Rödel bei der Übungsbesprechung, welch immenser Einsatz an Personal und Material notwendig ist, um in solchen Schadenslagen Gefahren abzuwenden und dies nur möglich ist, wenn auch ein großer Aufwand an Ausbildung betrieben wird. Kreisbrandmeister Münzer dankt abschließend den freiwilligen Helfern, die wieder einmal einen Teil ihres Wochenendes geopfert haben, um sich weiterzubilden, damit die Sicherheit der Bürger auch weiterhin gewährleistet ist und ermuntert sie, sich weiterhin so aktiv zu engagieren.
Erstellt am 7.10.2006
